In der Nacht vor dem Rennen würde ich kein Auge zutun.
Ich könnte beim Start in eine Kollision verwickelt werden. Ich könnte schon in der ersten Kurve von der Strecke segeln. Ich könnte beim Überrunden auf einen unachtsamen Konkurrenten treffen. Am Auto könnte etwas brechen, beim Boxenstopp ein Rad klemmen. Die Bremsen könnten versagen. Der Motor könnte hochgehen. Das Getriebe verrecken. Ein defekter Reifen plötzlich platzen. Ich könnte es mit kalten Reifen zu schnell angehen lassen. Ich könnte beim Rausfahren aus der Boxengasse meinen Motor abwürgen. Ich könnte das Rennen durch einen dummen Fahrfehler verschenken. Ich könnte das Rennen durch einen technischen Defekt verlieren. Von den tausend Schrauben, die alle halten müssten, damit ich ins Ziel komme, könnte ein einziges Schräubchen doch noch entzweigehen. Eines der zahllosen Kabel, einer der vielen Schläuche - die Lebensadern der Maschine, durch die ständig Strom, Benzin und Öl fließen müssen - könnte der enormen Belastung nicht standhalten. Von den zehntausend feinen Bewegungen am Lenkrad, mit denen ich das Auto um die Kurven trage, könnte ich eine einzige um Milimeter überziehen. Von den 200 000 Metern Asphalt, die mein Rennwagen unter sich herzieht und an dem sich in den Kurven die Reifen festkrallen, um Haftung zu bewahren, könnte ein einziger gottverdammter Meter eben diese Haftung verweigern, wegen eines Ölflecks, eines Wrackteilchens, einer Sandspur.
So sitze ich, eine Stunde vor dem Start des Rennens, wo ich hingehöre: ganz oben auf der großen Zuschauertribüne.
Da erscheint - ein Rennfahrer: Der Publikumsliebling; Held dramatischer Zweikämpfe, Sieger in zahllosen Rennen, unverwüstlicher alter Haudegen.
Schon in seinem feuerfesten, bulligen Renn-Overall steckend und den Sturzhelm unterm linken Arm tragend, marschiert der Rennfahrer die Tribüne entlang, die steil neben ihm aufragt wie ein Berg aus Erwartung.
"Löwenherz!"
"Löwenherz!"
Vom Zuschauerberg rollen Anfeuerungen und Beifallslawinen auf den Rennfahrer herab. Er fängt sie sich, trägt sie einen Augenblick auf seinen Händen und wirft sie stolz zurück ins Publikum.
Und dann streckt er seine geballte Faust empor - als wollte er uns zurufen:
„Count on me, I’m gonna win the race!“
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