Literarische Gruppe Osnabrück e. V.

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Besichtigung

Unser Expeditionsschiff erreichte jenen Ort im nördlichen Atlantik, wo in der Tiefe das Wrack der Titanic liegt.

Am Ziel angekommen, trafen die Taucher, mit denen ich reiste, endlich ihre Entscheidung: Ganz auf mich allein gestellt, sollte ich zu dem versunkenen Schiff hinabtauchen.

Meine Ausrüstung bestand aus gewöhnlichen Schwimmflossen, einer Taucherbrille und einem neu entwickelten, auf dem Rücken festzuschnallenden Raketenantrieb, der zugleich meine Atemluft lieferte und mit einem mächtigen Scheinwerfer ausgestattet war. Wie man mir versicherte, würde das Gerät mich schnell und gefahrlos in die Tiefe befördern und mir erlauben, nach Herzenslust auf dem Meeresgrund zu manövrieren.

Der Tauchlehrer begleitete mich ins Wasser. Mit geübten Handgriffen befestigte er den Raketenantrieb an meinem Körper und erklärte mir seine Funktionen. Ich ließ mich von den sanften Wellen tragen und blickte durch meine Taucherbrille.

Da entdeckte ich im Wasser etwas Ungewöhnliches. Irgendetwas schimmerte dort unten. Ein fernes Schimmern. Ein Leuchten? Ja, ein verschwommenes gelbes Leuchten. Wie durch dicken Nebel drang es aus der Tiefe hervor.

Was konnte das sein? Fasziniert blickte ich auf die seltsame Erscheinung und zeigte sie dem Tauchlehrer. Das gelbe Leuchten komme direkt vom Meeresgrund, sagte er, und eigne sich sehr gut als Orientierungspunkt. Beim Tauchen solle ich mich einfach daran halten - nur wenige hundert Meter weiter würde ich auf das Wrack der Titanic stoßen.

Für ihn war das Leuchten nur eine nützliche Boje, ich aber schaute fasziniert auf dieses ferne Gelb, verwirrt und seltsam erregt. Die fremde Erscheinung nahm mich ganz in ihren Bann und die Aussicht, ihr auf den Grund zu gehen, reizte mich bald mehr als die Titanic selbst. Alles Geheimnisvolle, alles, was es zu entdecken und erkunden gab, musste in dem gelben Leuchten verborgen liegen!

Es gab kein Zurück mehr. Ich war von Bord gegangen, nun warf ich auch sämtliche Bedenken über Bord. Um jeden Preis wollte ich tauchen - auch wenn ich den Beteuerungen meines Lehrers, wonach das Ganze völlig ungefährlich sei, überhaupt nicht traute und in Kauf nahm, nie wieder an die Oberfläche des Lebens zurückzukehren.

Also verabschiedete ich mich vom Tauchlehrer, nahm seine guten Wünsche entgegen und machte mich auf den Weg in die Tiefe.

Lautlos und leicht wie ein geschmeidiger Pfeil trieb ich in den Atlantik hinab und vergaß fast, dass ich ein Gerät auf dem Rücken trug.

Aber nun wurde es dunkler und kälter und mein Verstand meldete sich zu Wort: Niemand kann so ungepanzert in vier Kilometer Tiefe tauchen! Dort lastet das Gewicht einer großen Limousine auf der Fläche eines Daumennagels. Der Wasserdruck wird dich zermalmen … oder wird der Auftrieb des Wassers dich verwegenen Eindringling einfach ausspucken und zurück an die Oberfläche treiben?

Die Taucherbrille presste sich fester gegen mein Gesicht, Kälte drang an die Haut, ich fühlte mich nackt und ungeschützt und wünschte mir ein U-Boot herbei, das ich mir um den Körper wickeln konnte.

Doch nahm der Druck nur langsam zu, viel langsamer als erwartet. Und als ich tiefer tauchte, drückte das Wasser nur noch sehr schwach gegen meine Taucherbrille. Das konnte doch gar nicht sein - waren mit mir zusammen auch die Naturgesetze von Bord gegangen? Lustangst stieg in mir auf; mit einem Anflug von Triumph setzte ich meine Reise fort.

Schnell erreichte ich den Grund des Atlantiks. Mein Scheinwerfer legte die fremdartige Hügellandschaft in graues Dämmerlicht. Ich war zwar ein wenig vom Weg abgekommen und hatte das gelbe Leuchten aus den Augen verloren, machte mir aber deswegen keine Sorgen: Mühelos manövrierte ich zwischen Hügeln und Gesteinsbrocken und bewegte mich im reglosen Wasser wie in kühler, schwereloser Luft.

Bald erschien das Vorderschiff der Titanic; sein Anblick war mir von vielen Fotos her vertraut. Aus größerer Höhe drehte ich ein paar Runden über dem Wrack. Es lag wie ein zerstörtes und achtlos über Bord geworfenes Modellbauschiff auf dem Meeresgrund.

Wie groß war aber meine Überraschung, als ich die Umgebung des Schiffes erkundete!

Denn plötzlich zeichneten sich stangenförmige Gebilde ab. Lange Stäbe … Stahlstreben. Immer mehr Stahlstreben. Sie bildeten ein Gerüst, das an die Konstruktionen großer Bahnhofshallen erinnerte.
Durch dieses riesige, stählerne Gerüst flog ich nun in engen Kurven, so rasant, dass mir ganz schwindlig wurde; es war, als ob ich vom Bahngleis aus zu den Stahlstreben hochblickte und mich um die eigene Achse drehte, schneller und immer schneller, um dann an meinem eigenen Blick hinaufzusteigen wie an einer unsichtbaren Strickleiter.

All das machte mir mächtig Spaß und ich gab ordentlich Gas, flog sehr schnell, flog Slalom zwischen den Stahlstreben, spielte Katz und Maus mit ihnen und wurde immer ausgelassener, bis ich um ein Haar mit einer der Streben kollidierte, die mir sicher den Antrieb vom Rücken gerissen hätte.

Das Bauwerk überwölbte ein ausgedehntes Gebiet. Am einen Ende lag das Vorderschiff, am anderen Ende das beim Untergang abgebrochene Heck. Dazwischen erstreckte sich ein Trümmerfeld mit Wrackteilen und Millionen Brocken aus Kohle, die die Heizer damals in die mächtigen Schiffskessel geschaufelt hatten.

Doch vor allem war die Umgebung der Titanic alles andere als dunkel und lebensfremd. Längst hatte die menschliche Zivilisation auch diese ferne Unterwasserlandschaft erschlossen!

So stieß ich auf geschlängelte und ineinander verwobene Linien, die aussahen wie riesige, regungslose Wurmleiber. Als ich näher kam, staunte ich nicht schlecht - es waren die Schienenstränge einer großen Achterbahnanlage.

Und dann tauchten immer neue Einrichtungen und Gebäude auf. Hier unten gab es einen Freizeitpark mit allen nur erdenklichen Attraktionen: Spielcasinos, Karusselle und Imbissbuden, eine gut besuchte Einkaufszeile, wo Leute zum Shopping umherschlenderten, Leuchtreklamen und große Coca-Cola-Plakate, Parkbänke, Bars und Nachtclubs, ein Marlboro-Cowboy aus flimmernden Neonröhren, Souvenirgeschäfte, Zeitschriftenstände, Automaten für Getränke und Eiswürfel, Warn- und Hinweisschilder ... all das von tüchtigen Planern auf die Bedürfnisse großer Besuchermassen hin angelegt.

Am Ende löste sich auch das Rätsel um jenes mystische gelbe Leuchten auf, das mich an der Oberfläche so sehr fasziniert hatte.

Handelte es sich doch um nichts anderes als um das goldene M auf dem Dach einer ganz gewöhnlichen Fast-Food-Filiale.

 

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