Literarische Gruppe Osnabrück e. V.

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Iris Foppe

Das Ende der weißen Lilien

Verdammt, wie hatte mir das nur passieren können. Unwillkürlich balle ich die Fäuste, nur um gleich darauf schmerzhaft zusammenzuzucken. Mein rechter Arm ist von einer dicken Schicht Gips umgeben. Und beim Versuch, die Muskeln anzuspannen, wird mir schmerzhaft bewusst, dass die Knochen meines Unterarms mehrfach gebrochen sind. Komplizierter Bruch, hatte der Oberarzt gemurmelt und sich am Kinn gekratzt, aber zu meiner Erleichterung dann gleich darauf ein „Kriegen wir schon wieder hin!“ von sich gegeben. Außerdem hatten die Herren in Weiß meine beiden Beine stramm verbunden, mein Gesicht verpflastert und meinen Kopf in dicke Lagen Mull gehüllt.

Ich versuche mir vorzustellen, welches Bild wohl die Schwestern vor Augen haben, die in regelmäßigen Abständen auftauchen und nach mir sehen. Vermutlich biete ich einen ähnlichen Anblick wie die herrlich dramatisch eingewickelten Damen und Herren in diesen beliebten Notrufsendungen im Fernsehen. Naja, diese spektakulären Unfälle und so weiter. Ich hätte nie gedacht, dass mir mal so etwas passieren würde.

Ich schließe die Augen und versuche mich zu erinnern, was eigentlich passiert ist. Das Letzte, was mir wieder einfällt, ist, dass ich auf dem Rückweg von einer Kundin gewesen war. Elvira Steiniger, eine merkwürdige Dame. Untersetzte Figur, die grauen Haare zu einem Knoten im Nacken geschlungen, dicke Nickelbrille und irgendwie unheimlich. Sie züchtete Unmengen von Blumen in ihrem kleinen Garten. Blumen, die ich noch nie im Leben gesehen hatte. Und das war ungewöhnlich, denn ich war Leiter einer renommierten Gärtnerei. Bei unserem Versand hatte die alte Dame in den letzten Jahren zwar mehrfach Düngemittel und verschiedene Bewässerungssysteme für Gartenpflanzen bestellt, diese Dinge aber niemals bezahlt. Nach den üblichen Mahnbriefen hatte in meiner Post schließlich ein Brief mit ihrer altertümlichen Handschrift gelegen, in dem sie um eine Unterredung bat, um die Probleme aus der Welt zu schaffen. Naja, eine alte Dame und noch dazu in unserer Stadt, hatte ich gedacht, und war bereit, bei ihr persönlich vorbeizuschauen, um einen weiteren zeitraubenden Briefwechsel zu vermeiden.

Bei meiner Ankunft hatte sie mir den Garten gezeigt und mich dann allen Ernstes gefragt, ob ich es verantworten könne, all ihre Lieblinge grausam zu töten, indem ich ihnen Nahrung und Wasser verweigern würde. Ich schlug ihr vor, doch einige der wirklich prächtigen Blumen zu verkaufen und vom Erlös die Rechnungen zu bezahlen. Doch sie schien gar nicht hinzuhören. Als ich ihr deutlich machte, dass wir als Firma darauf angewiesen sind, dass unsere Kunden die Ware auch bezahlen, versuchte sie weiter auf mich einzureden. Mit ihren dünnen Fingern fasste sie nach meinem Arm und krallte sich beinahe in ihn hinein. Ich war schließlich froh, dass ich sie abschütteln konnte, und kehrte zu meinem Wagen zurück.

Auf dem Weg vorbei an den hohen Pflanzen beschlich mich zunehmend ein merkwürdiges Gefühl. Mich bedrückte die völlige Windstille. Und zwischen den großen Blüten, die einen betäubenden Geruch verströmten, erschien es mir, als ob der Garten immer dunkler würde. Es hätte mich nicht im Geringsten gewundert, wenn eine der seltsamen Pflanzen plötzlich nach mir geschnappt hätte.
In meinem Wagen angelangt, fühlte ich mich wieder sicherer und beschloss, sofort zu meinem Büro zurückzukehren und in Zukunft besser nur noch brieflich mit dieser Frau zu verkehren oder am besten den ganzen Vorgang gleich einem geeigneten Inkassounternehmen zu übergeben.

An den Unfall selbst erinnere ich mich überhaupt nicht mehr. Ich glaube nur, dass ich mich umgedreht habe, weil ich meinte, etwas Weißes im Rückspiegel zu sehen …


Die Schwester kommt herein und wechselt ein paar nette Worte mit mir. Sie prüft meine Verbände und erwähnt dabei, dass ich großes Glück gehabt habe. Keine lebensgefährlichen Verletzungen, hauptsächlich Knochenbrüche, die mich zwar einige Wochen außer Gefecht setzen würden, aber nicht wirklich gefährlich seien. Ich nicke dazu, soweit die Verbände das erlauben. Schließlich beendet sie die Inspektion und fragt mich, ob ich denn gewillt sei, ganz kurz Besuch zu empfangen. Jemand warte schon seit einiger Zeit darauf. Ergeben nicke ich erneut. Möglicherweise einer meiner Angestellten mit neusten Hiobsbotschaften oder den besten Wünschen der Belegschaft.
Ich höre, wie sich die Tür wieder öffnet und die Schwester ein "Aber nur 5 Minuten!" sagt, um dann hinzuzufügen: "Schließlich braucht ihr Neffe jetzt noch Ruhe."
Diese letzten Worte lassen mich dann doch aufhorchen. Schließlich bin ich sicher, dass der Bruder meiner Mutter in Australien lebt und mein Vater ein Einzelkind war. Mühsam wende ich den Kopf zur Tür und versuche herauszufinden, wer dieser Besuch sein könnte. Das erste, was ich sehe, ist ein riesiger Strauß Blumen. Zweifellos Lilien, aber so sehr ich mich auch anstrenge, ich kann nicht herausfinden, welche spezielle Art es ist. Der Strauß wandert zum Waschbecken neben dem Fenster und ich höre, wie jemand Wasser in eines der Glasgefäße fließen lässt. Dann nähert sich der Strauß meinem Bett und verharrt dort. An einem leisen Klirren erkenne ich, dass er auf meinem Nachttisch abgestellt wird. "Wer sind Sie denn?" höre ich mich krächzen. Mein Hals fühlt sich ganz rau an, vermutlich noch vom Intubationsschlauch, der darin steckte, während meine Knochenbrüche verschraubt wurden. Außerdem glaube ich jetzt den schweren, süßlichen Duft der Blumen zu bemerken.

Hinter dem Strauß schiebt sich eine untersetzte Gestalt in mein Blickfeld. Elvira Steiniger, sie lächelt mich an.
Ich fühle mich unbehaglich. Die alte Dame lächelt unaufhörlich weiter und mir wird schmerzlich bewusst, dass ich hier hilflos vor ihr liege. Nun sagt sie leise, dass sie diesen Unfall sehr bedauere und ich von Glück sagen könne, so glimpflich davon gekommen zu sein. "Diese Blumen ..." Plötzlich höre ich ihre Stimme deutlich und klar. "Diese Blumen sind für Sie und nun werden sie Ihnen Gesellschaft leisten. Ich habe sie abschneiden müssen, und jetzt sind sie hier bei Ihnen, um zu sterben!"

Ich bringe kein Wort heraus. Irgendwie hatte diese alte Dame es geschafft, dass ich mich von ihren Blumen bedroht fühle - von Blumen, von harmlosen Blumen, mit denen ich zu Abertausenden handele, mit deren Samen, den Ballen und allem anderen, was zu ihrer Aufzucht nötig ist. Ich bemerke nicht, dass sie längst hinausgegangen ist, starre nur noch auf die Lilien, die hoch über meinem Bett aufragen und deren Duft mir das Atmen schwer macht. Bilde ich es mir nur ein oder öffnen sie ihre Blüten deutlich? Und neigen sich die Lilien nicht unmerklich zu meinem Bett herab? Sie sind bei mir zum Sterben, hatte die alte Frau gesagt, aber vielleicht wollen sie sich vor ihrem Ende noch an einem der Menschen rächen, die sie so grausam zum Sterben verurteilt haben? Mein Puls beginnt zu rasen und ich habe das Gefühl, als würde meine Kehle langsam zugedrückt. Mit letzter Kraft taste ich blind nach dem Alarmknopf neben meinem Bett. Ohne Zweifel, die Lilienblüten werden größer. Nicht mehr lange und sie werden mich verschlingen. Panik droht mich zu überwältigen und meine Finger tasten immer hastiger nach dem Knopf …


Als ich später erwache, höre ich das rhythmische Piepsen medizinischer Apparate. Jemand ruft meinen Namen und ich versuche die Augen zu öffnen. Das erste, was ich sehe, sind verschwommene weiße Flecken, die sich langsam bewegen. Mein Blick wird klarer und ich erkenne mehrere Ärzte, die um mein Bett versammelt sind und mich mit nachdenklichen Blicken mustern. Der Chefarzt der Station ist persönlich anwesend und erkundigt sich nach meinem Befinden. Aus den leisen Bemerkungen höre ich dann heraus, dass ich unerklärlicherweise einen Kreislaufzusammenbruch erlitten habe. Diese Komplikation sei nicht vorhersehbar gewesen. Zum Glück sei es mir noch gelungen, den Alarm auszulösen, wobei ich allerdings den Nachttisch umgestoßen habe.
Ich sehe das besorgte Gesicht des Arztes vor mir und wende langsam den Kopf. Neben meinem Bett fegt eine der Stationsschwestern die leise klirrenden Reste des Glasgefäßes zusammen. Hinter der halbdurchsichtigen Hülle eines großen Müllbeutels kann ich schwach die Umrisse großer Lilienblüten erkennen.

 

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