Literarische Gruppe Osnabrück e. V.

GISELA BREIDENSTEIN

Gisela BreidensteinDie Schriftstellerin Gisela Breidenstein war von 1990 bis 2008 stellvertretende Vorsitzende der Literarischen Gruppe Osnabrück. Ihre literarischen Arbeitsgebiete sind Lyrik und Prosa in den vielfältigen Formen von Erzählung, Kurzgeschichte, Essay, lyrischer Kurzprosa, Märchen und Fabel. Zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien, Zeitungen, Zeitschriften und im Rundfunk. 1992 erschien ihr Lyrikband  "Wandelstern" im Czernik-Verlag, Edition L. Er wurde 1994 bei der Präsentation "Die schönsten deutschen Bücher" durch die Stiftung Buchkunst auf der Frankfurter Buchmesse ausgestellt.

Mit "Taubenflügel auf blauer Kugel" legte Gisela Breidenstein 2003 einen neuen Lyrikband vor. Die einzelnen Themenkreise sind in einem Jahresbogen eingebunden, den man auch als Lebensbogen verstehen kann. Die Lyrik von Gisela Breidenstein hat eine große Affinität zur Malerei und zur Musik. In ihrem Vorwort zum Gedichtband "Wandelstern" schrieb Sabine Witt:"Immer wieder zeigt sich die Nähe zur Malerei." Mehrere Gedichte wurden durch Bilder angeregt. Es sind keine Bildbeschreibungen, sondern eigenständige Schöpfungen, die von der beabsichtigten Aussage des Malers abweichen können. Außerdem verwendet die Autorin in einer Reihe von Gedichten Farben. Friedrich-Wilhelm Wentzlaff-Eggebert, Professor der Germanistik, lobte schon 1988 die "bewundernswerte Fügung der Farben" und den Rhythmus ihrer Gedichte.

Gisela Breidenstein: "Wandelstern"Gisela Breidenstein: "Taubenflügel"Auch gestaltet sie mit den Klangfarben der Sprache; darin berühren sich Malerei und Musik. Jedes Gedicht hat seinen eigenen Rhythmus, seine eigene Melodie. Das hat Komponisten zur Vertonung inspiriert. Gedichte von ihr wurden vertont durch Jens Erdmann, Peter Florian, Harald Heilmann und Peter Koch.

1974 war die Autorin Preisträgerin eines literarischen Wettbewerbs der Neuen Osnabrücker Zeitung, 1994 war sie Preisträgerin beim Gedichtplakatwettbewerb der Stadt Osnabrück "Courage - Gedichte contra Gewalt". Sie ist Mitglied der Künstlergilde und Vorstandsmitglied der GEDOK (Gemeinschaft deutscher Künstler und Kunstförderer e.V.) Rhein-Main-Taunus.

Impulse erhält Gisela Breidenstein einerseits aus der Welt des Augenscheins, die sich in ihrer Reflexion und Emotion spiegelt, andererseits aus dem inneren Schauen, das sich Bilder aus der sinnlich wahrnehmbaren Welt leiht, um das eigentlich Unsagbare seelischer Vorgänge aussprechen zu können. So werden die Gedichte zu Spiegelbildern von Innen- und Außenwelt. In einigen Texten hält die Autorin auch der menschlichen Gesellschaft den Spiegel vor. Ihre sinnhafte, anschauliche Sprache voll sublimierter Energie vermag den Leser zum Nachdenken und Mitfühlen zu bewegen.

 

Pressestimmen

"Die Ordnung der Gedichte folgt dem Jahreskreis, so dass der Reihe nach frühlingshafte, sommerliche und schließlich verschneite Töne angeschlagen werden. Die warmen Monate sind mit Partnerschaft und Liebe assoziiert. Am frostigen Anfang und Ende wechselt Gisela Breidenstein in geradezu kosmische Perspektive: Auf die titelgebende 'blaue Kugel' des Erdballs aus dem ersten Gedicht blickt sie im zweiten Text gar mit den Augen von Astronauten. Hier haben dann klirrend abstrakte Fragen wie das Verrinnen der 'Tropfenden Zeit' ihren Ort. Wo es um Krieg und Umweltverschmutzung geht, herrscht forcierte Deutlichkeit: In expressiver Apokalyptik konstatiert die Autorin, dass 'der Mensch die Tauben schlachtete'. Schöne Bilder glücken Gisela Breidenstein bei der Beschreibung von Alltagssituationen, etwa wenn ein zerknülltes Papier 'hüpft wie ein kleiner Vogel, der fliegen lernt'."
Neue Osnabrücker Zeitung

"Kritisch betrachtet die Autorin den Zustand der Welt ... Oft führt sie die Schönheit der Natur vor Augen, um anschließend ihre Sorge um den Verlust dieses ganzen Reichtums um so deutlicher auszusprechen, so dass eine Brechung entsteht, die den Leser betroffen macht ... Neben Gedichten von visionärer Dimension stehen erfrischende und Zuversicht vermittelnde Texte."
Lahn-Zeitung

"Die breite Themenpalette, von kraftvoll ausdrucksstark bis hin zu Texten spielerischer Leichtigkeit ..., macht den besonderen Reiz dieser Lyrik aus: Ein poetischer Kosmos von Bildern, die sich einprägen."
Rhein-Zeitung

"Ihre Gedichte sind thematisch vielseitig: In ihnen finden Themen über Umweltzerstörung, Liebe und Vergänglichkeit Raum. Ihre Gedichttexte thematisieren offen zeitpolitische Probleme ... und die Liebesgedichte Gisela Breidensteins sind offen, voller Zärtlichkeit und Wehmut."
Nordwest-Zeitung

Die große Welle

Traumurlaub für Touristen
im Paradies der Südsee.
Für Platz von Hotels
immer dichter am Meer
Mangroven gerodet,
abgeschlagen
die Atemwurzeln.
Abgetragen
Korallenriffe,
als Steinbruch benutzt
zum Bau von Hotels.

Die Touristen genießen
süßes Nichtstun, Sonne, See,
bis die große Welle
das Land überfällt,
Hunderttausende tötet,
Bäume köpft
und Menschenwerk verwüstet.

Doch die Todeswelle
weckt eine Welle
lebendiger Liebe zum Nächsten.
Menschen stehen Menschen bei,
erkennen sie als Geschwister.
Wurzeln, die sich mit Wurzeln
verbinden zu neuem Halt
und Atem.

 

Nachruf für Wegbegleiter

Mai 2007 am Pappelgraben

Uralte Pappeln
standen am Wassergraben.
Mächtige Stämme.
Meine Arme reichten nicht,
sie zu umfassen.
Kraftvoll drängten
ihre Wurzeln
den Boden hoch,
sprengten den Straßenasphalt.
Ich dachte, diese Bäume
würden auch mich überleben.
Mehr als alle anderen
liebte ich die Balsampappel.
Der frische Duft
ihrer Blüten im Frühling
war Labsal für die Seele.

Doch immer durchläuft die Blätter
auch der stärksten Pappel
ein leises Zittern, ein Beben.
Eine alte Legende sagt,
das Kreuz auf Golgotha
sei aus Pappelholz gewesen.
Daher komme das Pappelherz
nie mehr zur Ruhe.

Aber die Pappeln am Graben
überstanden manchen Sturm,
bis der Orkan Kyrill
wütend in die Bäume fuhr,
sie mit den Wurzeln
aus dem Erdboden riss.
Hingemäht lagen
die alten Riesen.
Einige, vom Sturm verwundet,
sturzgefährdet, fällte
noch die Motorsäge.
Um ihre Stümpfe
sprießen junge Triebe.

Kommt jetzt der Sommer,
vermiss ich den Schatten
des silbrigen Flatterlaubs.
Im Herbst wird mir fehlen
der Teppich aus Blättern,
im Winter der Blick
durch ihr dunkles Geäst
in den Himmel.

 

Ruhepause

April 2010

Aufbegehren der Erde.
In einem Vulkanschlot
schießt Magma hoch.
Glut und Gletschereis
speien Rauch und Lava aus.
Eine dunkle Wolke
bläht sich auf.
Die Aschewolke weht
Sand ins Weltgetriebe.
Die Flugzeuge müssen schweigen.
Voller tönt der Gesang der Vögel.

 

Erde im Netz

Der Mensch legte ein Gitter
über die Erde,
wollte diesen großen Ball
in seinem Netz einfangen.
Und das Gitterwerk
warf seinen Schatten,
dunklen Kreuzen gleich.
Der Mensch aber merkte nicht,
dass er sich selbst ins Netz ging.
Eingeschnürt und verkabelt,
redet er sich jetzt ein:
"Vernetzt sein macht frei."
Und betet das große Netz an.
Jedoch das Gitter
gerät ins Schwanken.
Die Erde wehrt sich.
Sie ist kein glatter Globus,
keine einfache Kugel,
die man spielend im Netz fängt.
Es ist ein starker Koloss
mit Ecken und Kanten,
mit Kuppen und Kratern.
Sie reckt und streckt sich.
Sie faucht und hat Feuer im Leib.
Das Gitter passt ihr nicht.

 

Unterm Fliederbaum

Immer noch innige Erinnerung
an das Dorf der Kindheit.
Mit bloßen Füßen über Moos gehen,
unterm blühenden Fliederbaum liegen
und dem Summen der Bienen lauschen.
Träumen von weiteren Räumen,
die sich mir einst öffnen sollten.
Auf meinem Weg durch Zeit und Raum
war ich an anderen Orten zu Haus,
wurde heimisch in fernen Städten,
vertraut mit fremden Menschen.
Auch wohnte ich in Worten,
in Bildern und Musik.
Doch immer noch klingt in mir nach
der Kindertraum unterm Fliederbaum.

 

Verwandlung

Zu einem Bild von Beate Musäus

Mehrmals gehäutet,
die Kummerborke
abgestreift,
die Seelenschlacken
ausgeschieden,
steige ich wieder
in den Fluss des Lebens,
tauche geläutert auf,
empfange das Licht
neuer Zuversicht.

 

Tropfende Zeit

Zu dem Bild "Die Zeit lässt die Tropfen fallen" von Beate Musäus

Die Zeit fließt hin.
Sekunden tropfen
und Stunden fallen
mit den Glockenschlägen
wie schwere Früchte ab
vom Baum der Zeit.
Der gleiche Augenblick
erblüht nie wieder,
doch wird die Zeit in uns
sich ihrer selbst bewusst.
Sie schenkt uns die Erinnerung
und Hoffnung auf die Zukunft.

 

Herbst

Die Blätter flüstern Abschied.
Es verneigen sich dankend die Zweige.
Die Stimmen der Vögel werden leiser.
Sie bitten still um Reisesegen.
Ferne flutet das Rauschen der Autobahn.
Ein aufkommender Wind mischt die Farben neu.
Rot verwirbelt mit Gelb und Grün.
Alles beginnt zu fließen.

 

Sternstunde

Vertont von Peter Florian

Wenn der Abendengel
die Sanduhr umdreht,
stürzen die Sterne schneller ins All.
Irgendwo spürt ein Mensch
die beschleunigte Fahrt,
und ein lange gereifter Gedanke
reißt sich los aus seiner Stirn.
Eine neue Idee ist geboren.

 

Stille

Mit silberner Stimme
spricht die Stille
immer dieselben Silben.
Das leise Ticken der Uhr
buchstabiert die Zeit,
selten nur unterbrochen
durch ein Knacken
im Zimmer oder ein Knistern
hinter der Stirn,
wenn sich etwas im Kraftfeld verändert,
weil vielleicht ein neuer Stern
über uns aufgeht.
In den Ohren ein Sirren
vom Flugwind der Erde.

 

 

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