HERMANN WISCHNAT

hermann-wischnatHermann Wischnat, geb. 1936 in Heiligelinde/Ostpreußen (heute Swieta Lipka/Polen), verheiratet, drei Kinder, lebt in Osnabrück.

Beruflich:

  • Schultätigkeit in Unterricht und schulfachlicher Verwaltung

Literarisch:

  • Lyrik und Kurzprosa, Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Zeitungen, Anthologien und Rundfunk.
  • Neun eigene Gedichtbände, z.T. mit Kurzprosa, zuletzt: „Die Weitung meines Horizontes“ (2002) und „Auf der Höhe der Zeit? (2005).
  • Mehrere Lyrikanerkennungen. Erfahrung in Anthologiezusammenstellung und -herausgabe; zeitweilige Redaktion einer Literaturzeitschrift. Lesungen; Referate zu Lyrikfragen; Moderationen. Arbeit in Literaturvereinen in verschiedenen Funktionen.

 

wischnat-dezifit      Hermann Wischnat      wischnat-weitung      Hermann Wischnat     

 

Dezifit

 

Erschreckend sind die Defizite.
Sie drücken lastend aufs Gemüte,
besonders wenn du einer bist,
der vieles falsch macht und vergisst. 

Nein, so willst du nicht weiterleben,
versuchst das Übel zu beheben.
Du findest aber in der Tat,
so sehr du suchst, bei niemand‘ Rat.

Mein Freund, ich bin der rechte Mann,
der dir mit Ratschlag dienen kann.
Mach’s so wieich: Denk immer mit!

Ich kenne gar kein Dezifit.

(aus: „Ich kenne gar kein Dezifit“)

 

Der Schalk im
Nacken

Zur Zeit sitz mir mein Schalk im Nacken.
Er soll mich flugs vom Kalk entschlacken.

An meiner Starrheit im Genick
versagt jedoch des Schalks Geschick.

Nie hätte das mein Schalk gedacht,
dass Kalk ihm so zu schaffen macht.

(aus: „Ich kenne gar kein Dezifit“)

 

Der Mann
auf der Gardinenstange

Heinrich Kiekes sitzt schon lange
hoch auf der Gardinenstange.

Wie ist nur herauszukriegen,
wo bei ihm die Gründe liegen
für die kühne Klettertat.
Wer weiß Rat?
Kiekes selbst zeigt sich verschwiegen.

Fürsorglich sei hier gefragt,
ob er nicht herunterfällt,
ob die Stange lange hält,
ob der Hochsitz ihm behagt?

Ist ihm nicht doch anzuzeigen
– um ein Unglück auszuschalten -,
abwärts an Gardinenfalten
vorsichtig herabzusteigen?

Oder hilft ihm eine Leiter
für den Abstieg besser weiter?
Sollte gar die Feuerwehr
flugs mit einem Sprungtuch her?

Ja, man müht sich um den Mann,
den man nicht verstehen kann.
Rätselhaft bleibt sein Motiv,
das ihn auf die Stange rief.

(aus: „Auf der Höhe der Zeit?“)

 

Verlust
zuweisungs
gesellschaft

Verlustzuweisungsgesellschaft
Zuweisungsgesellschaftverlust
Gesellschaftsverlustzuweisung

Gesellschaftzuweisungsverlust
Zuweisungsverlustgesellschaft
Verlustgesellschaftszuweisung

Zulustverweisungsgesellschaft
Zuverlustgesellschaftsweisung
Lustzuverweisungsgesellschaft

Zuweisungsgesell
verschaft
Lust

—–

Zugegeben: An wenigen Stellen fehlt eigentlich ein Buchstabe. Das sind Verluste, die neu zugewiesen werden müssen.

(aus: „Auf der Höhe der Zeit?“)

 Hermann Wischnat

 

 

modern learning
oder Die Sprache als Schule

Unsere Schule
ist eine coole,
die, wie du weißt,
stetig Anglizismen machen tut.

Da ist sie gut.

Das bringt uns Wellness
mit größter Schnellness
in unsre Schule.

Solch eine Kuhle!

(aus: „Auf der Höhe der Zeit?“)

 

Die Weitung meines Horizontes

Die Weitung meines Horizontes
ist etwas überaus Gekonntes,
zumal bisher in scharfer Strenge
die Leute meinten, er sei enge;

-ja,
er sei im Grunde gar nicht da.

Vom bloßen Nullpunkt sozusagen
ging ich der Enge an den Kragen
und stieg der Zeit gemäß komplett
– ins Internet.

Inzwischen bin ich Globalpläher
und virtuell dem Fernsten näher
und weite so konstant gekonnt
den Kragen samt dem Horizont.

– Ja,
ich bin jetzt drin und dauernd da!

(aus: „Die Weitung meines Horizontes“)

 

Wir Suchen

oder Von der Kraft des Deutschen

New Business Account Manager
Operation Center Supervisor
Human Resources Manager
Tüchtige Raumpflegerin

Senior Network Administrator
Commercial Lawyer
Technical Consultant
Umsichtigen Hausmeister

Database Specialist
Quality Assurance Engineer
Senior Strategic Researcher
Nachtwächter, mit Hund angenehm

Join Our Team
Wir wachsen wachsen wachsen
THE WINNERS
http://www.theleadingcompany.de

Frei nach Stellenanzeigen in bekannten deutschen Tageszeitungen. Der Firmenname ist erfunden. Identitäten wären zufällig.

(aus: „Die Weitung meines Horizontes“)

 

Vertreibung und Rückkehr

Sie kamen aus dem Schweigen des Dorfes,
morgens im diesigen Spätherbst.
Acht.

Vom Hügel
– das Dorf wird dahinter verschwinden –
ein Blick auf die Jahre.
Weiter mit Handgepäck,
zunächst noch bekannte Wege,
doch erstes Stolpern.

Sie gingen in den kalten Winter.
Sie gingen in das Schweigen der Fremde.

Ihr Schritte,
ich sehe euch müde und frierend.
Ich höre euch, ihr Schritte,
die ihr zu jung und zu alt wart.

Fünf kamen um.

Einer
– nach vierzig Jahren –
steht
in diesiger Frühe
im Herbst
auf dem Hügel
und staunt.
Holt die Jahre ein,
erkennt
unter alten Dächern
vertraute Fremdheit
und freut sich
als Gast.

(Aus: „Stege. Von Ostpreußen ins Heute“)

 

Andreas

Du warst der Größte, Andreas,
damals in der einklassigen Volksschule.
Und wer dich nicht kannte,
nahm sie dir nicht ab,
deine dreizehn Jahre erst.
Die Russen auch nicht
im März fünfundvierzig.

Sie nahmen dich mit.
Ein paar alte Männer haben sie noch
nach Hause geschickt; den Alshut,
den Kaspritzki, den Lehmann.
Dich nicht.
Workuta, Kolyma, Swerdlowsk?
Unser kleines Dorf hat nie etwas gehört
von dir
aus dem weiten Russland.

Aber unser Dorf, Andreas,
das will nicht viel heißen.
Es war im November fünfundvierzig
schon leer. Zerstreut.

Nur der alte Koslowski ist geblieben.
Er verstand sich auf slawische Sprachen;
soll aber bald gestorben sein,
sozusagen in der Heimat.

Manchmal, Andreas,
auf Heimattreffen,
frage ich noch heute nach dir.

(Aus: „Stege. Von Ostpreußen ins Heute“)